Wir alle wissen, dass Biker gerne ein Unikat haben, ein Bike, das sonst niemand hat. Und manche treiben es in diesem Streben auf die Spitze. So z.B. Kai, der eine aufs Extremste lackierte Ducati Panigale 1299 S fährt. Die Maschine, welche auch das Cover von “Motorräder fotografieren” ziert, ist einfach der Hammer, was Detailverliebtheit und Konsequenz in der Umsetzung angeht. Da muss man schon einen an der Waffel haben, um so eine Maschine zu besitzen. Aber wisst ihr, wofür man noch mehr einen an der Waffel haben muss? ZWEI solche Motorräder zu fahren. Und Kai macht das. Neben seiner Ducati hat er noch eine im gleichen Stil lackierte Honda CBR1000RR Fireblade, den “Devil Hunter”. “Warum zwei von der Sorte” fragte ich ihn. Da musste er schief grinsen und meinte “Nun ja, wenn man eine Italienerin fährt, ich es immer ganz gut, eine Maschine als Backup zu haben”. Da werden die schönsten Biker-Vorurteile bedient.

Das Shooting fand auf dem Werksgelände der Firma statt, in der ich tagsüber arbeite und meinem Erstberuf nachgehe. Aus fotografischer Sicht war ich wieder mit meinem Lieblingssetup unterwegs: Zwei bis drei Blitze, welche per Funk angesteuert und im TTL-Modus betrieben wurden. Zu Beginn machten wir ein paar Bilder zur blauen Stunde, um den dramatischen Himmel abzupassen. Zum Einsatz kamen zwei einzelne Blitze auf Stativen ohne Lichtformer, ein sehr puristischer Setup, der extrem vielseitig und einfach einzusetzen ist. Durch eine Unterbelichtung der Szene konnte ich einen dramatischen Himmel erzeugen, der gut mit der dämonischen Maschine harmoniert. Der klassische “Zangenblitz” (einer links, einer rechts im spitzen Winkel) sind hier alles, was notwendig ist, um die Maschine auszuleuchten.

Als ich am Tag zuvor mit einem Arbeitskollegen über den Firmenhof schlenderte, erzählte ich ihm von dem bevorstehenden Shooting und sagte “ach wie gerne würde ich mal in einem leeren Container fotografieren, das fände ich toll.” Er blieb irritiert stehen und schaute mich an. “Du weisst, dass wir gerade einen zweiten Container für Überseemontagen einrichten? Der ist leer, die Regale für die Werkzeuge kommen erst nächste Woche rein!” Ein schöner Zufall, denn mein Wunsch war ins Blaue reingesprochen. Die Gelegenheit war wirklich einzigartig: Wann sonst steht irgendwo ein absolut leerer Container herum? Normalerweise sind die eben dazu da, Waren oder Gerümpel zu lagern. Keiner stellt sich leere Container auf den Hof. Normalerweise.

Und so konnte ich bei diesem Shooting ein Bild umsetzen, welches ich schon lange im Kopf hatte. Kai brachte für die Fireblade eine Rampe mit, über welche wir die Maschine rückwärts in den Container schoben. Für dieses Bild verwendete ich drei Blitze. Einen stellte ich hinten rechts in die Ecke und richtete ihn zur Decke. Den zweiten platzierte ich links direkt hinter Kai und richtete ihn direkt auf die Maschine.
Der Container machte sich natürlich auch draußen gar nicht so schlecht, um ein paar “normale” Porträts und Detailaufnahmen einzufangen.

Doch damit war noch nicht genug mit der Umsetzung lang gehegter fotografischer Ideen. Ebenfalls schon seit längerem hatte ich den Wunsch, eine Maschine mal aus einer komplett neuen Perspektive abzlulichten. Meist bewege ich mich mit der Kamera auf Tankhöhe oder darunter, um das Motorrad wirklungsvoll zu inszenieren. Fotos aus der stehenden Perspektive sind meist langweilig, da man leicht nach unten schaut und die Maschine so betrachtet, wie man sie auch mit eigenen Augen sieht wenn man davor steht. Erst, wenn man wieder sehr viel höher geht mit der Kamera, stellen sich interessante Perspektiven ein. Daher wollte ich schon lange mal einen Vogelperspektiven-Shot machen: Senkrecht über der Maschine nach unten fotografiert. Dazu benötigt man aber entweder einen Hubschrauber, Jetpack, eine lange Leiter oder ein Gerüst. Alles hatte ich gerade nicht verfügbar, aber zum Glück hat meine Firma (im Sinne von “da wo ich arbeite”, um Missverständnissen vorzubeugen) eine großzügige Auswahl an langen Leitern, welche in der Fertigung benötigt werden. Das bedeutet: Maschine auf Montageständer geparkt, Blitze mit Softboxen links und rechts platziert, die Riesenleiter über dem Bike positioniert und hochgekraxelt. Am Ende sieht das so aus:

Natürlich gibt es dazu auch ein making-of. Durch die Höhe der Leiter sind die Schenkel so weit auseinander, dass sie nicht in der unmittelbaren Umgebung des Motorrades stehen. Zum Glück bin ich schwindelfrei. Im Nachgang muss ich allerdings sagen, dass ich einen Kameragurt hätte verwenden sollen, denn wäre mir die Kamera entglitten, wäre diese aufgrund schwerkrafttechnischer Umstände über den Jordan gegangen, und Kai hätte mir angesichts der dicken Beule in seiner Maschine gehörig den Hintern versohlt. Also – safety first!

Dies ist das Abschlussbild der Fotosession. Ich war schon dabei, alles einzupacken und Kai wartete noch einen kurzen Regenschauer ab, der sich wider Erwarten eingestellt hat. Das ist dann eben der Nachteil einer derart auf Hochglanz und bis in letzte Detail gestylten Maschine: Da darf kein Stäubchen dran sein, und eine Autobahnfahrt selbst bei leicht feuchter Fahrbahn nebelt das Gefährt bekannterweise recht ordentlich ein unter hinterlässt (mindestens!) Wasserflecken (pfui Spinne!). Aber sorry – fürs Wetter kann ich nix. Dies sind die Dämonen, die Kai dann selbst mit dem Teufelsjäger verfolgen muss.

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