Heute geht ausnahmsweise nicht um Fotografie, sondern um ein Moped selbst.

Zwei Wochen lang durfte ich die BMW R1200GS Rallye vor den BMW Motorrad Days fahren und fotografieren. Ich habe in den zwei Wochen knapp 2.100 km zurückgelegt und konnte mir daher eine eigene, solide Meinung von der Maschine bilden.

Ich möchte voraus schicken, dass ich anfangs sehr skeptisch war. Denn ich kenne für meinen Geschmack zu viele GS-Fanboys, welche die GS als das beste Motorrad der Welt bezeichnen (ist ja ok) und alle anderen Maschinen daher mit abwertenden Kommentaren belegen (darauf reagiere ich allergisch). Dieses “einmal aufgestiegen und nichts anderes mehr fahren wollen” konnte ich also nun endlich auch mal selbst ausprobieren.

Leicht debil grinsend habe ich die Maschine am Fuhrpark in München übernommen. Danach ging es (aus Zeitgründen leider über die Autobahn) nach Hannover. Dort habe ich die Maschine bis zu den Motorrad Days dann jeden Tag gefahren und vor allem fotografiert.

Bevor ich in die Details gehe: Die Maschine ist wahnsinnig gut und nicht umsonst verteidigt die R1200GS seit Jahren (Jahrzehnten?) Platz eins der Verkaufscharts. Es ist einfach ein Premiumprodukt, und das merkt man bei Design, Fahreigenschaften, Motor, Verarbeitung etc. pp. Und nicht umsonst gibts die Maschine nicht für ein paar Euro fünfzig. Das Basismodell geht bei 15.300 € los, und mit den diversen Extras kann man spielerisch über 20.000 € für dieses Motorrad kommen.

Ausstattung
“Meine” Maschine war eine Pressemaschine, in welcher so ziemlich alle aufpreispflichtigen Extras verbaut waren:

  • Komfort-Paket (Heizgriffe, Handschutz, Reifendruckkontrolle, verchromter Auspuff)
  • Touren-Paket (Keyless-System, Kofferhalter, Tempomat, Elektronische Dämpfungskotrolle, Navi-Vorbereitung)
  • Dynamik-Paket (verschiedene Fahrmodi, LED Blinker und LED Scheinwerfer, Schaltassistent)
  • Connectivity-Paket (farbiges TFT-Display, Automatisches SOS-Notrufsystem, Bluetooth-Anbindung).

Wenn ich alles richtig zusammengeklickt habe, kostet die Maschine mit all diesen Paketen im Laden 20.530 €. Ein stolzer Preis, für den man allerdings auch eine Menge Motorrad bekommt.

Im Folgenden möchte ich über die einzelnen Aspekte der R1200GS Rallye berichten.

Motor
Muahahaha. Was soll ich sagen. Der 1200er Zweizylinder-Boxer hat das abgeliefert, was ich immer gelesen und gehört habe: Druckvoll auch bei niedrigen Drehzahlen. Die 124 PS und 125 Nm katapultieren die 244 kg schwere Maschine samt Fahrer spielerisch nach vorne. Auch im sechsten Gang kann man nochmal am Gas ziehen und gemütlich und sicher überholen. Da gibts nichts dran zu rütteln. Der Motor hat Power, und davon eine Menge.

Fahreigenschaften
Ein Freund sagte einmal “die GS fährt sich so leicht wie ein Fahrrad”. Und das unterschreibe ich. Tausendmal habe ich vom tief liegenden Schwerpunkt gelesen, jetzt ihn auch mal erlebt. Durch den Boxermotor hat die GS eine exzellente Straßenlage und das Handling ist unglaublich einfach, trotz ihres Gewichtes. Das war übrigens einer der Punkte, der mir beim Rück-Umstieg auf meine 1050er Tiger sofort aufgefallen ist. Schon im Stand fällt einem beim Rangieren des Motorrades auf, was ein tiefer Schwerpunkt ausmacht.

In den Kurven handelt sich die Maschine genau so gut, bereitwillig kippt sie in die Schräglage und wieder heraus. Meine Testmaschine hatte zudem das dynamische Fahrwerk und die verschiedenen Fahrmodi (Rain, Road, Dynamic, Enduro). Je nach Modus werden die Dämpfungswerte der Federung sowie das Motormapping angepasst, also z.B. wie empfindlich die Maschine auf das Gas geben reagiert. Im Dynamic-Modus reagiert der Motor z.B. sehr empfindlich auf  jegliche Drehung am Gasgriff, im Modus Rain und Enduro erfolgt die Gasannahme zögerlicher, um bei Nässe oder im Gelände die Leistung besser dosieren zu können.

Die GS ist keine Rennmaschine, trotzdem steht in den Papieren 220 km/h als Spitzenwert (glaube ich, hab sie nicht mehr vorliegen). Laut Tacho habe ich sie auf der Autobahn mal auf 235 km/h gehabt, da war dann aber auch Ende der Fahnenstange. Für eine Abenteuermaschine sind das deutlich mehr km/h, als man benötigt.

Witzig ist auch die Beladekontrolle: Das Heck der Maschine kann elektrisch höher und tiefer gefahren werden, um bei hoher Beladung mehr Federweg zu haben.

Der Tempomat war ein neues Erlebnis für mich und besonders auf den längeren Autobahnfahrten München-Hannover und zurück sehr angenehm. Der höhenverstellbare Windschild bot mir einen guten Schutz vor dem Fahrtwind und führte zu einem angenehmen Reiseerlebnis.

Verarbeitung
Und auch hier bewegen wir uns auf einem hohen Niveau. Die GS wäre nicht DIE Abenteuer-Maschine schlechthin, wenn sie nicht gut verarbeitet und damit robust und haltbar wäre. Die ganze Maschine kommuniziert “Qualität”: Oberflächen, Materialien, Spaltmaße, die Bewegung von Gelenken. Viel mehr kann ich dazu nicht schreiben ohne mich zu wiederholen. Wer es nicht glaubt, kann ja beim nächsten Händler mal persönlich gucken gehen.

Aussehen
“Männer schauen beim Kauf auf den Motor, Frauen auf die Farbe”. Dieses Klischee muss ich erweitern zu “…Frauen und Fotografen auf die Farbe”. Ich habe mit der GS immer ein wenig gehadert, und zwar weil die Farbgebung und das Design für meinen Geschmack etwas zu langweilig waren. Meist grau in grau oder schwarz oder silber. Mit der GS Rallye jedoch kam der richtige Farbklecks ans Motorrad: Das lupinblau strahlt, der rot/blaue Aufkleber an der Seite des Tanks gibt extra Pepp und der teilweise blau lackierte Rahmen rundet die Farbgebung ab. So gefällt mir die Maschine extrem gut. Ich weiss, ist ein Fotografending, aber die Optik ist mir bei einem Motorrad eben auch sehr wichtig.

Das gleiche gilt übrigens für die Scheinwerfer. BMW hat ja diese Eigenart, unsymmetrische Scheinwerfer in der Front zu verbauen. Dummerweise neigt das menschliche Gehirn dazu, paarweise Elemente meist als Augen zu interpretieren. Bei der alten GS oder der S1000RR z.B. bedeutete dies, dass einen zwei ungleich große Augen angeschaut haben, der sog. “Karl Dall-Effekt”. Bei der GS Rallye ist zwar auch ein unsymmetrischer Scheinwerfer verbaut, aber die beiden Hälften für Tagfahrlicht und Fernlicht muten aufgrund der Form des Gehäuses nun nicht mehr wie Augen an, sondern sind einfach “nur” ein technisches Element.

Natürlich gibt es noch die Fraktion Biker, denen das Design überhaupt nicht gefällt (“potthässliche Ente” war noch schmeichelhaft). Na gut, allen kann man es nicht recht machen. Die GS hat ihr Design seit langer Zeit, die Grundzüge haben sich nicht groß verändert. Entweder man mag es, oder man mag es nicht.

Der Rück-Umstieg auf meine Triumph Tiger 1050
Die bange Frage nach zwei Wochen mit de GS lautete: Macht mir meine Triumph Tiger 1050 noch Spaß?
Und (für meinen Geldbeutel zum Glück) muss ich sagen: Ja!
ABER.
Hätte ich den fünfstelligen Betrag, den dieses Motorrad kostet, mal so eben rumliegen, würde ich sie mir sofort holen. Da mein Sparsäckel das momentan aber nicht mal so eben hergibt, bleibe ich bei der Tiger, denn auch die hat Pfeffer.
Aber den Unterschied merke ich doch deutlich. Ohne Neid und Fanboy-tum muss ich anerkennen: Die BMW ist einfach ein Premiumprodukt. Warum das so ist, habe ich oben ausgeführt. Besonders markant war für mich die Rückgewöhnung an einen höheren Schwerpunkt. Den habe ich bei der GS sehr zu schätzen gelernt. Die Tiger handelt sich hier anders, etwas weniger spielerisch. Zudem ist das Fahrwerk straffer, aber die Tiger ist auch keine Offroad-Maschine wie die GS.

Leistungstechnisch war die Rück-Umstellung zum Glück nicht zu groß. Meine Triumph Tiger liegt in einer ähnlichen Leistungsklasse wie die GS (Tiger: 115 PS, 100 Nm; GS: 124 PS, 125 Nm). Das heisst, ich habe nicht mit dem Gefühl massiv fehlender Leistung zu kämpfen, die ja maßgeblich am Fahrspaß beteiligt ist.

Eines ist aber glasklar: HÄTTE ich noch meine FZ6 Fazer gehabt, wäre der Umstieg auf die GS geritzte Sache. Der Unterschied zwischen einer 600er und einer 1200er ist einfach zu groß, als das man hier sagen könnte “passt scho”.

So bekommt mein Konto noch eine Schonfrist und ich kann den Umstieg auf eine BMW-Maschine ins Auge fassen, wenn ich die Tiger durch etwas anderes ersetzen möchte.

Was kann man besser machen?
Vorab – die R1200GS ist ein über viele Entwicklungszyklen verbessertes und weiterentwickeltes Produkt. Es ist daher nicht verwunderlich, dass ich keine bahnbrechenden Entdeckungen machen oder größere Defizite aufzeigen konnte. Ein paar Kleinigkeiten habe ich allerdings doch anzumerken, wobei einige davon in die Kategorie “Haarspalterei” bzw, “persönlicher Geschmack” fallen.

  • Getriebe: Auch nach zwei Wochen hatte ich Probleme, den Leerlauf zu treffen. Ich habe ihn fast immer übersprungen
  • Bedienung:  Durch die vielen Elektronischen Zusätze sind am Lenker eine Vielzahl Knöpfe angebracht. Der Schalter für die Fahrmodi liegt über dem Schalter Anlasser/Motorstopp. Zum Betätigen des Mode-Schalters muss man mit dem rechten Daumen einen recht großen Bogen beschreiben, um am Anlasser vorbeizukommen. Das ist nicht besonders ergonomisch und ich habe einmal während der Fahrt aus Versehen den Motor damit ausgemacht, weil ich auf den Motorstopp gekommen bin.
  • Software: Im Stand hatte ich mehrfach die Meldung, dass ABS ausgefallen sei und ich dringend in eine Werkstatt müsse. Ein anderer GS-Fahrer sagte zu mir, das läge an einem Spannungsabfall, wenn die Zündung eingeschaltet ist und der Motor steht. Nach dem Anlassen verschwand die Meldung. Das fand ich sehr irritierend, denn die Fehlermeldung legte nahe, dass es ein kritisches Problem ist.
  • Windschild: Die Windschutzscheibe der GS mutet mit ihren Kanten und Ecken futuristisch an und sieht schick aus. Weniger praktisch ist sie zum Durchgucken. Kleine Fahrer oder solche, die sich auf der Autobahn klein machen, sehen die Straße durch die Scheibe stark verzerrt. Ich fühlte mich dabei unsicher, da ich Abstände nicht mehr ordentlich einschätzen konnte und habe daher immer über die Scheibe gelinst. ANMERKUNG: Die GS ist keine Rennmaschine, also muss man sich eigentlich auch nicht kleinmachen. Die Scheibe ist ein Windabweiser, das ist mir schon bewusst.
  • Blinkerschalter (Achtung, sehr kleinkariert von mir): Das haptische Feedback vom Blinkerschalter fand ich nicht befriedigend. Von einem Edelbike erwarte ich einen glasklaren Schaltpunkt. Hier bleibt der Blinkerschalter meinem Empfinden nach hinter anderen Tastern zurück

FAZIT
Eine kraftvolle Maschine, die Spaß macht. Leistung und Ausstattung bestätigen, dass die R1200GS in der Oberklasse der Reisemaschinen anzusiedeln ist, wenn sie nicht sogar DIE Reise- und Abenteuermaschine schlechthin ist. Sie ist kein Schnäppchen, aber man bekommt eine Menge Motorrad für sein Geld.

Ich hatte eine tolle Zeit mit dem Motorrad und konnte viele Bilder von ihr machen. Nach 2.100 km Fahrt auf der Maschine kann ich bestätigen, dass sie eine ideale Reisemaschine ist und für jedes Abenteuer gewappnet ist.

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