Ich habe eine “neue” Motorradwerkstatt entdeckt. Natürlich ist sie nicht neu, sondern seit über 20 Jahren an der gleichen Stelle und von der gleichen Familie betrieben. Aber irgendwie habe ich sie nie wahrgenommen. Diese Saison musste meine Tiger zur großen Inspektion und zum TüV, und da es sich aufgrund der Nähe anbot, habe ich die Maschine dort hingebracht. Beim Abholen habe ich ein wenig mit Werkstattmeister und Besitzer Martin geschwatzt. Wie sich herausstellte, fährt Martin zwei MV Agusta F4, eine von 2006, eine von 2016.

Und da ich die MV Agusta F4 schon länger zum Fotografieren auf dem Radar hatte, habe ich mich mit Martin verabredet.

Die obige Aufnahme wurde mit zwei Blitzen und jeweils 80x80cm großen Softboxen realisiert. Eine Softbox stand links von der Kamera und hat von schräg oben die Seite des Motorrades beleuchtet, der andere Blitz beleuchtete das Motorrad von vorne. Farbige Lacke sind hierbei sehr dankbar, da sie im Blitzlicht auch wirklich hell werden. Schwarze Lacke schlucken das Licht und zeigen nur die direkten Spiegelungen der Lichtquelle.

Das lässt sich schön an dem folgenden Bild demonstrieren. Was wie ein Studiobild aussieht, ist in Wirklichkeit ganz normal in der Werkstatt aufgenommen worden, ohne speziellen Hintergrund oder Ähnliches. Ich habe lediglich die Softbox mittig über dem Motorrad gehalten (ihr seht die Reflektion der Lichtfläche) und abgedrückt. Licht hat die Angewohnheit, dass es sich schnell in der Umgebung verläuft. Das bedeutet, wenn nichts in der unmittelbaren Umgebung ist, was das Licht reflektieren kann, wird die Umgebung vornehmlich dunkel abgebildet.

Komplett schwarz wie auf dem Bild war der Hintergrund natürlich nicht, da musste ich dann schon nachhelfen. Aber 80% kriegt man in camera schon hin.

Das folgende Bild ist eine Lightpainting-Aufnahme. Das bedeutet: Kamera auf Stativ, mehrere Sekunden belichten und dann mit einem LED-Leuchtstab (Yongnuo YN-360) über dem Motorrad entlanggehen. Das ganze macht man dann mehrfach und aus verschiedensten Winkeln, so dass jeder Teil des Motorrades einmal beleuchtet wird. Die Einzelaufnahmen werden später am Rechner zusammengepuzzlet.

Tipp: Macht zu Beginn der Serie ein paar Aufnahmen ohne Leuchtstab mit verschiedenen Belichtungszeiten. So ein Foto nennt man “Backplate” und es dient dazu, eine saubere Aufnahme des Hintergrundes zu haben. Außerdem könnt ihr so im Nachhinein den Hintergrund separat dunkler machen. Er liegt dann in Photoshop als unterste Ebene, welche individuell dunkler gemacht werden kann, ohne die beleuchteten Teile des Motorrades (welche alle in den Ebenen darüber liegen) zu beeinflussen.

Achtung, anderes Bike! Martin hat nämlich nicht nur eine MV Agusta F4 von 2006, sondern auch eine von 2016. Foto mit der gleichen Technik wie oben beschrieben. Das Schöne an der Langzeitbelichtung mit dem LED-Leuchtstab ist, dass auf dem Lack Reflektionen entstehen, die so aussehen, als seien sie von einer einzigen großen Lichtfläche gemacht worden. Das sieht schick aus.

Ich habe das gleiche Bild mit einem Blitz (ohne Softbox) gemacht, also mit dem Blitz auf jeder Aufnahme eine andere Ecke des Motorrades angeblitzt und das am Rechner zusammengesetzt. Jetzt kam das hier heraus:

Betrachtet die Unterschiede. Auf dem obigen Bild (Langzeitbelichtung mit LED-Leuchtstab) sind flächige Reflektionen vorhanden, auf dem unteren (“nackte” Blitze) ist der Lack zwar auch erhellt, aber man findet nur kleine Lichtpunkte in der oberen Hälfte des Motorrades vor (Tank und Frontverkleidung). Ok, diese hätte ich noch einfach wegretuschieren können, aber mir gefielen diese kleinen Reflektionen sehr gut.

Beide Methoden sind ok, die Ergebnisse sind gut. Wichtig ist nur, dass ihr den Unterschied versteht und welche Methode welchen Effekt hervorruft.

Das folgende Bild ist wieder geblitzt worden, diesmal aber mit einer Softbox. Da hier ein Detailfoto gemacht wurde, konnte ich mit der Softbox sehr nah rangehen (sie war direkt oberhalb der Bildkante). Dadurch “sieht” die Oberfläche des Motorrades eine eine große, gleichmäßige Lichtfläche und wird schön ausgeleuchtet. Das Bild ist wieder aus zig Einzelaufnahmen zusammengesetzt (u.a. einer Belichtung nur mit eingeschalteter Zündung, um die Instrumente schön hervorzuheben). Den Hintergrund habe ich übrigens absichtlich nicht komplett schwarz gemacht, damit ein wenig Abwechslung in die Bildserie kommt.

Das letzte Bild der Serie für heute: Eine  Frontalaufnahme, zusammengesetzt aus mehreren Fotos. Ich liebe diese Aufnahme, das Bike wirkt so edel und erhaben. Die Italiener wissen einfach, wie man schöne Dinge designt. Die Aufnahmetechnik ist wieder die gleiche: Kamera auf Stativ, mit Softbox aus ganz vielen Positionen angeblitzt. Wichtig dabei: Die Reflektionen der Softbox (die weissen Flächen) sind eben nur FAST symmetrisch. Man kann die Softbox auf verschiedenen Fotos nicht links und rechts in exakt der gleichen Höhe in exakt dem gleichen Winkel halten. Dadurch entstehen leicht unterschiedliche Formen in der Spiegelung. Diese Unterschiede dürfen aber nur so groß sein, dass sie gerade noch nicht direkt auffallen. Der Gesamteindruck muss der einer symmetrischen Beleuchtung sein.

 

Und zum Schluss noch ein Hinweis in eigener Sache. Weihnachtsshopper aufgepasst!


Mit der gleichen Technik (Lichtmalerei) habe ich übrigens dieses Bild aus dem Motorradkalender 2019 erstellt. Die BMW R1200GS Rallye stand in einem Überseecontainer und wurd in mehreren Einzelaufnahmen mit einem LED-Leuchtstab angeleuchtet (merke: Licht ist Licht, ob es von einem Blitz in sehr kurzer Zeit oder von einem Leuchtstab in mehreren Sekunden kommt).

Der Kalender ist in meinem Shop für 20€ inkl. Versand zu haben und eignet sich spektakulär gut als Weihnachtsgeschenk für das motorradverrückte Volk.


 

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